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Die Erzieherklasse FSS 1 a erlebte am 24. Mai eine bewegende Führung im Dommuseum:

Die Ausstellung Flucht 2.0 – An Odyssey to Peace wurde von acht Flüchtlingen aus Afghanistan, Eritrea, Pakistan und Syrien gemeinsam mit der Journalistin Jeanette Schindler und der Kunstdozentin Dr. Doaa Elsayed entwickelt und gestaltet. Sie zeigt eindrucksvoll in sechs Stationen (Aufbruch, Marsch, Lager, Mittelmeer, Europa und Angekommen), in sehr persönlichen Bildern, Interviews und Kurzfilmen die Fluchterlebnisse der acht Flüchtlinge und ihre erste Zeit in Deutschland.

Farhad, ein Flüchtling aus Afghanistan, führte uns durch die Ausstellung. Er erzählte uns, dass er mit einem Schlauchboot übers Mittelmeer nach Europa fliehen musste, da er und seine Familie sonst von den Taliban ermordet worden wären, weil er als Übersetzer für die US-Armee arbeitete. Seine Familie konnte er auf seiner beschwerlichen Flucht nicht mitnehmen, da die Strapazen für diese zu groß gewesen wären. Er hält aber regelmäßig über das Handy Kontakt mit ihnen und hofft auf ein baldiges Wiedersehen in Deutschland.

Er erzählte uns zu Beginn der Führung wie wichtig und unerlässlich Medien wie Handys und Facebook für die Planung der Flucht, das Ausarbeiten der Fluchtrouten und die Durchführung des Fluchtvorhabens sind. Sie ermöglichen es, dass sich Menschen in Gruppen zusammenfinden und unabhängig von Schleuserbanden, für die ein Menschenleben nichts wert ist und die nur auf ihren eigenen Profit aus sind, agieren können. Außerdem können die Flüchtlinge mittels ihrer Handys ihre Flucht nach Europa in ganz persönlicher Weise dokumentieren.

Durch die interaktiven Installationen innerhalb des Ausstellungsraumes konnten wir zumindest zu einem Teil selbst nachempfinden, wie beschwerlich und vor allem gefährlich die Flucht von Farhad und den anderen Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa wirklich war. An der ersten Station (Aufbruch) war die Kulisse einer zerbombten Wohnung aufgebaut. Überall lagen an den Seiten Holzsplitter, Reste von Möbelstücken und zerstörtes Spielzeug herum. Die aufgestellten Wände wiesen Einschusslöcher auf. An dieser ersten Station hat uns – als angehende Erzieherinnen – besonders ein zerfetzter Teddybär sehr mitgenommen, da dieser uns bildlich vor Augen geführt hat, dass nicht nur Erwachsene, sondern auch kleine Kinder diese beschwerliche und gefährliche Flucht auf sich nehmen müssen, um in Frieden und Sicherheit leben zu können. An Station drei (Lager) sollte sich die gesamte Klasse, bestehend aus 20 Schülerinnen, in eine winzige Wellblechhütte zwängen, die lediglich eine Lampe und eine staubige Matratze enthielt. Viele von uns bekamen schon beim Anblick des engen und niedrigen Eingangs Beklemmungen. Wir waren zutiefst schockiert als uns Farhad erzählte, dass in so einer Hütte mehr als 30 Menschen auf engstem Raum leben und schlafen müssen und so mehrere Monate auf ihr Boot und ihre weitere Fluchtmöglichkeit übers Mittelmeer warten. Sehr emotional wurde es an Station vier (Mittelmeer), an der wir uns in ein verrostetes, in der Mitte zerschnittenes Boot setzten und Farhad uns erzählte, dass er bei seiner Flucht über das Mittelmeer fast gestorben wäre und zudem noch eine sehr gute Freundin verloren hat. Vielen lief ein Schauer über den Rücken und wir waren alle den Tränen nahe. Einige hatten nach dieser Station das spontane Bedürfnis kurz mit ihren Lieben über WhatsApp Kontakt aufzunehmen und ihnen zu sagen, wie lieb sie sie haben.

Während der Schilderung seiner Erlebnisse auf der Flucht war Farhad die ganze Zeit über sehr ruhig, gefasst und hat immer wieder gelächelt. Sein Lächeln hat uns sehr irritiert, denn vielen von uns ist schon nach Station eins das Lächeln gründlich vergangen. Auf unsere Nachfrage hin antwortete er, dass er jeden Tag versucht, all seine schrecklichen Erlebnisse während seiner Flucht in seiner derzeitigen Wohnung zu lassen und er den Menschen um ihn herum mit einem Lächeln begegnen und positiv in die Zukunft schauen möchte. Trotzdem holen ihn seine traumatischen Erlebnisse, sobald er alleine in seiner Wohnung ist, immer wieder ein. Von seinem Mut, seiner positiven Lebenseinstellung und seinem unerschütterlichen Optimismus waren wir zutiefst gerührt.

„Flucht 2.0“ steht also für die zum Teil von den Flüchtlingen übers Internet selbst geplante, organisierte und durchgeführte Flucht nach Europa. „Odyssey“ beschreibt wie lange, gefährlich und entbehrungsreich der Weg nach Europa für die Familien und Kinder gewesen ist und „Peace“ (Frieden) ist letztendlich das Ziel dieser Flucht.

Vielen von uns ist erst durch diese Ausstellung wirklich bewusst geworden, wie gefährlich und traumatisierend die Flucht der Menschen nach Europa wirklich ist und dass hinter all den Flüchtlingszahlen, die uns tagtäglich in den Nachrichten präsentiert werden, Menschen stehen. Menschen wie du und ich, mit Familien, die ihr Leben und das ihrer Kinder riskieren, um in Frieden und Selbstbestimmung leben zu können, was für uns in Deutschland mittlerweile selbstverständlich ist.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Farhad, allen Organisatoren und Mitwirkenden für diese ganz persönlichen und emotionalen Einblicke in die Flucht nach Europa und hoffen, dass Farhad recht bald wieder mit seiner Familie in Deutschland vereint ist, so dass sie gemeinsam ihre Zukunft gestalten können.
(Text von Christina Braun, Fachschule für Erzieher an der Wilhelm-Emmanuel-von-Ketteler-Schule, Mainz)

Angehende Erzieherinnen der Ketteler-Schule bei der Führung mit Farhad

Angehende Erzieherinnen der Ketteler-Schule bei der Führung mit Farhad


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